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Ein Auszug
aus der Geschichte der Liberalen in Bad Kissingen
Im November 1902 kündigte der Magistratsrat Philipp Schoeller mit
dem Aufruf:
„Scharet euch um uns! Tretet unserem Vereine bei!“
in der Saale-Zeitung der Bad Kissinger Öffentlichkeit die Existenz
eines Liberalen Vereins
an.
Dieser erste Aufruf umriss das Ziel des Vereins:
„Er will die Liebe zu König und Vaterland, zu Kaiser und
Reich pflegen, den deutschen Gedanken in Wort und Schrift fördern
und den liberalen Grundsätzen Verbreitung und Berücksichtigung
sichern; er will also sein: ein Sammelpunkt königstreuer Männer,
eine Pflegstätte des nationalen Gedankens und ein Mittel zur Förderung
vernünftigen Fortschritts.“
Daneben war die Achtung der religiösen Überzeugung anderer,
die Stellung des Vaterlandes über die Partei sowie die Stellung des
allgemeinen Wohls über Sonderinteressen als Hauptrichtpunkte des
Bestrebens ausdrücklich benannt.
Es ist der wunderschöne deutsche Ausdruck aus dem Beginn des letzten
Jahrhunderts, mit dem in gesetzten Worten um Mitbürger und Freunde
geworben wurde. In dem ersten Aufruf war deshalb auch dreimal von der
Liebe und Treue zu König und Vaterland sowie Kaiser und Reich die
Rede. Diese Betonung war wichtig, denn die Liberalen galten als vaterlandslose
Gesellen, als Hohn auf den Zeitgeist und wurden als Feinde der göttlichen
Weltordnung angesehen, wie etwa in Heinrich Manns „Der Untertan“.
Die Namen von einigen der ersten Mitglieder des Liberalen Vereins sind
aufgeführt in der Kandidatenliste für die Landtagswahl 1905:
Adam Gillich, Bauführer
Ludwig Hitzlsberger, Baumeister
Michael Renninger, Baumeister
Julius Reuß, Schreinermeister
Dr. Lorenz Scherpf, Königlicher Hofrat
Philipp Schoeller, Magistratsrat
Dr. Siegfried Wahle, prakt. Arzt
Ein Kuriosum ist die alphabetische Reihenfolge. Es ist ja erstaunlich,
wie viel Wahlmathematik und Werbestrategien heute in die Besetzung der
vorderen Listenplätze gesteckt werden. Magistratsrat Philipp Schoeller
selbst, der erste Vorsitzende, war zweiter Bürgermeister von Bad
Kissingen und Vorsitzender des Kurvereins „Königliches Bad
Kissingen“, also ein geachteter und bekannter Mann.
Aus den Versammlungsprotokollen und Wahlversammlungen, die in der Saale-Zeitung
nachzulesen sind, spricht eine hohe Motivation der Mitglieder des Liberalen
Vereins. Es gab ja auch viele Ansatzpunkte für eine liberalere Gesellschaft
in der Zeit der Jahrhundertwende:
> Der Reichskanzler wurde vom Kaiser ernannt,
unabhängig von der Zusammensetzung des Reichstages.
> Das Wahlrecht war von der Zahlung von Steuern abhängig.
> Frauen durften nicht wählen.
> Die Wahlzettel wurden in den Wahllokalen der jeweiligen Parteien
abgeholt
Und dort wieder abgegeben.
> Der Adel besetzte alle hohen Posten in Militär, diplomatischem
Dienst
und der Verwaltung.
So forderte der Liberale Verein im Wahlprogramm
zur Landtagswahl 1905 in einer Anzeige in der Kissinger Saale-Zeitung:
Schaffung eines
allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts,
Gleichberechtigung
aller Konfessionen, jedoch Bekämpfung des Missbrauchs der Religion
zu
politischen Zwecken, (> eine Spitze gegen das Zentrum!)
Tatkräftige
Unterstützung des Handels, Handwerks, der Industrie und der Landwirtschaft,
Energisches
Eintreten für die Bedürfnisse der Arbeiter, (> ein Punkt,
den man den Liberalen
nie abgenommen hat, der ihnen aber immer sehr am Herzen gelegen
hat und liegt, um die
Gleichbehandlung aller Schichten zu erreichen)
Gerechte Verteilung
der Steuerlast und Reform unserer veralteten gemeind-lichen
Besteuerung (> dieser Punkt richtet sich gegen die Gewerbesteuer,
ein Kampf, den die FDP
noch heute führt)
Zu den genannten Vereinszielen kamen später noch hinzu:
Gesteigerte
Volksbildung
Unentgeltliche
Rechtsauskunft
Verhältniswahlrecht
Handel mit dem
Ausland, um unsere enorm gestiegene Bevölkerung in Deutschland
ernähren zu können
Forderung nach
Einführung der Erbschaftssteuer als einzig gerechter Steuer
In allen Zweigen
sollte der richtige Mann am richtigen Platz eingesetzt werden, gleichviel
woher er komme und welcher Gesinnung er sei.
Manche dieser Forderungen leben noch heute, andere haben im Rückblick
eine bittere geschichtliche Erfahrung beinhaltet. Erst 1992 hat das Bayerische
Verfassungsgericht einer Klage der Bayrischen FDP stattgegeben, dass das
Verhältniswahlrecht bayernweit für die Landtagswahlen anzuwenden
sei. Der Kampf um das Verhältniswahlrecht ist politischer Minderheitenschutz
gegen Mehrheitenmacht und währt nun ebenfalls schon seine mehr als
100 Jahre.
Die Befürchtung, dass Deutschland seine Bevölkerung nicht ernähren
kann, mündete aus der Vorstellung vom „Volk ohne Raum“
in den Eroberungskrieg des Zweiten Weltkrieges. Nicht die liberale Vorstellung
vom friedlichen Handel der Völker, der allen nutzt, wurde Wirklichkeit
der Geschichte, sondern der uralte männliche Mythos vom Erobern und
Besetzen. Dass man niemals besitzt, was man besetzt, gehört für
die Deutschen des 20. und 21. Jahrhunderts zur zweimaligen Erfahrung:
Die Besetzungen durch die Nazis hatten sieben Jahre Bestand, die der Kommunisten
44 Jahre.
Der richtige Mann
am richtigen Platz – diese Forderung war 1905 natürlich
eine Spitze gegen den Adel sowohl wie gegen das Zentrum: Weder Herkunft
noch Bekenntnis sollten ausschlaggebend für die Besetzung öffentlicher
Stellen sein.
Denkt man allerdings an die Parteienkritik heutiger Tage, dass viele öffentliche
Posten nach Parteizugehörigkeit vergeben werden - bis hin zur Besetzung
des Bundesgerichtshofes – dann wird deutlich, dass Machtstrukturen
immer die Tendenz haben, sich selbst zu verstärken. Parteien in die
Schranken zu verweisen, gehört zu den Bürgerpflichten für
einen funktionierenden, gerechten und unbestechlichen Staat. Die Besetzung
nach Parteiproporz entspricht der Besetzung der Ämter nach sozialer
Zugehörigkeit (Adel, Militär) früher. Ein altes Problem
in einem neuen Gewand.
Nun, die Liberalen in Bad Kissingen, hoch motiviert wie sie waren, hatten
Erfolg:
Ihr Verein wuchs von 40 Gründungsmitgliedern am 04.Februar 1902 auf
fast 200 Mitglieder im selben Jahr. 1904 hatte der Liberale Verein 350
Mitglieder, eine Zahl, die sie bis zum Aufgehen des Liberalen Vereins
im Deutsch Demokratischen Verein 1920 hielten. Zu den Versammlungen der
Liberalen kamen jeweils 100 bis 200 Zuhörer. Ihre Referenten hielten
„lichtvolle Vorträge“ oder „gehaltvolle Referate“,
und sie erhielten „stürmischen Beifall“. So ist es noch
heute nachzulesen im Archiv der Saale-Zeitung.
Aus den Mitgliedsbeiträgen errichtete man 1907 im Preußischen
Hof ein Lesezimmer, in dem Zeitungen aller Parteirichtungen auslagen.
Es war die Zeit, in der sich die Familien alle zwei Wochen gut anzogen,
gemeinsam ins Café gingen, um Zeitung zu lesen. Die Liberalen wollten
im Preußischen Hof auch eine Bibliothek einrichten. Wir haben allerdings
keine Nachricht, ob das auch geschehen ist.
So konnte der politische Erfolg nicht ausbleiben. Die Liberalen waren
seit ihrem Auftreten in Bad Kissingen bis etwa 1920 die stärkste
politische Kraft.
Bis auf eine Ausnahme 1911,
als sich die Liberalen Bad Kissingen mit 48:52 geschlagen geben mussten,
waren sie Sieger der Gemeindewahlen und der Nachwahlen. 1908 stellten
die Liberalen gar die einzige Liste zur Gemeindewahl. Aus heutiger Sicht
nahezu unglaublich.
Diese Siege waren umso erstaunlicher als sich die Liberalen als Gegenkraft
zu einer vom Katholizismus geprägten, geschlossenen Gesellschaft
verstanden, die durch die Zentrums-Partei vertreten wurde. Die Liberalen
wollten bewusst ein offenes Gegengewicht für alle Schichten der Gesellschaft
setzen. Auf ihren Listen standen Kandidaten aller Schichten und Bekenntnisse.
Dem beständigen Sieg der Liberalen bei den Kissinger Gemeindewahlen
stand der Sieg des Zentrums bei den Landtagswahlen gegenüber. Aber
da trat auch der Lokalmatador von Bad Kissingen, Bürgermeister Theobald
von Fuchs, für das Zentrum an und erreichte, dass er in den Landtag
einzog. Bei den Landtagswahlen 1907 und 1912 erhielten die Liberalen jeweils
das stärkste Stimmenergebnis: 1907 mit knapp über 50% - das
waren noch Zeiten für Liberale! – und 1912 mit 43%. 1912 erhielten
erstmals die Sozialdemokraten das sehr gute Stimmenergebnis von 22% in
Bad Kissingen.
Zu den Versammlungen der Liberalen erschienen auch Mitglieder anderer
Parteien. So berichtet die Saale-Zeitung über eine Wahlversammlung
1907 über die Anwesenheit des Stadtkaplans, der bemerkte habe: „Diese
Rede hätte auch beim Zentrum gehalten werden können.“
Die Unterscheidbarkeit zu den Konservativen – ein ewiges Problem
der Liberalen. Das Erstaunliche der Zeitungsmeldung liegt darin, dass
1907 ein offizieller katholischer Geistlicher es gewagt hat, eine Veranstaltung
der Liberalen zu besuchen. (Im Jahr 1990 nahm der Stadtdiakon von Bad
Brückenau an einer Wahlveranstaltung der FDP teil. Er wurde daraufhin
von einem Pfarrmitglied angesprochen, ob er dies schon gebeichtet hätte!)
Das Verhältnis zu den Sozialdemokraten wurde zwiespältig genannt.
Es reichte von der Akzeptanz als Koalitionspartner bis zu totaler Ablehnung.
„Durch eine gesunde Sozialpolitik muss man den Sozialdemokraten
das Wasser abgraben.“
So der Reichsparteitag der Liberalen 1912 in Berlin. Die Zusammenarbeit
zwischen Bauernbund und Liberalen war legendär. Es gab viele gemeinsame
Kandidaturen für Landtag und Reichstag. Hochburgen des Bauernbundes
im Landkreis waren Maßbach, Geroda und Bad Brückenau. Der erste
Weltkrieg bedeutete kommunalpolitisch eine Zäsur. Es gibt nahezu
keine parteipolitischen Nachrichten aus dieser Zeit in Bad Kissingen.
Der Magistrat/das Gemeindekollegium mussten sich um die Verteilung der
Not kümmern. Brot und Getreide waren seit Anfang des Krieges bewirtschaftet.
Die große Stunde der Politik schlug am 9. November 1918 mit der
Ausrufung der Republik. In Bad Kissingen wie in anderen Städten des
Deutschen Reiches brandeten die Wellen der Räterepublik. Ein Arbeiter-,
Bauern– und Soldaten-Rat installierte sich hier am 11.November 1918.
Die Bürgermeister der Umgebung erklärten sich mit dem Inhalt
des Aufrufs der Räte ebenso einverstanden, wie der Regierungspräsident
seiner Verwaltung empfahl, den Räten Folge zu leisten. Dieselbe Anweisung
kam aus den Münchner Ministerien. Deutlich erhob dagegen der Präsident
des Landtags, Bad Kissingens ehemaliger Bürgermeister, Theobald von
Fuchs, seine Stimme: Der Landtag sei nicht aufgelöst, weder Ministerien
noch Räte hätten etwas zu bestimmen.
In Bad Kissingen nahm stets eine Abordnung des Arbeiter-Bauern- und Soldaten-Rates
an den Sitzungen des Magistrats und Kollegiums teil. Eine rechtlich sehr
verworrene Situation, die jedem Liberalen gewaltig auf den Magen schlagen
musste.
Dass der Arbeiter-, Bauern- und Soldaten-Rat keineswegs im Sinne einer
politisch höchst interessierten Kissinger Öffentlichkeit war,
belegt eine Anzeige in der Saale-Zeitung am 29. November 1918. 62 Kissinger
Männer unterschrieben mit ihrem Namen einen Aufruf, in dem sie sich
gegen einseitige Klassenherrschaft, Diktatur und Bolschewismus wandten.
Die Unterzeichner verstanden ihr Tun als Bekenntnis, denn wörtlich
heißt es:
„In dieser ernsten, von widerstrebenden Meinungen durchfluteten
Zeit wollen wir laut und offen bekennen: Wir wollen die baldigen Wahlen
zur Nationalversammlung.......Ohne sie keine Ruhe, keine Ordnung, keine
Gesetzmäßigkeit, kein Brot.“
Die Unterzeichner riefen für 2 Tage später in den Großen
Saal des Regentenbaus zur Gründung einer Demokratischen Vereinigung.
Der Liberale Verein rief seine Mitglieder zum vollständigen Erscheinen
auf – er sollte zwei Jahre später in dieser Vereinigung aufgehen.
Am 1. Dezember 1918 platzte dann der Regentenbau aus allen Nähten:
Mehr als 1000 – T a u s e n d – Kissinger Männer und
Frauen erschienen. Man brachte seine Furcht vor der Gewalt der Straße,
der Diktatur und der Rechtlosigkeit zum Ausdruck. Die Demokratische Vereinigung
wurde gegründet, die typisch liberal, Mitglieder aller Parteien aufnehmen
sollte und deren Ziel es war, die Wahl zur Nationalversammlung zu befördern.
In Kissinger Geschäften bzw. bei den folgenden Bürgern lagen
die Listen zur Einschreibung in die Demokratische Vereinigung aus. Es
waren dies:
Josef Braun, Bahnoberportier,
Eugen Hahn, Kolonialwaren,
Gustav Kracht, Drogerie,
Dr. Ernst, Apotheke,
Josef Mehler, Frisör,
Georg Pabst, Kolonialwaren,
Karl Renner, Juwelier,
Otto Schachenmayer, Saale-Zeitung,
Meißner-Schmirdörfer, Eisenwaren,
Wilhelm Vogt, Tapetenhandlung,
Richard Fritz, Weigands Weinstube,
Michael Ziegler, Kolonialwaren.
Aus der Überparteilichkeit des Demokratischen Vereins wurde dann
nichts. Im Gefolge dieser demokratischen Begeisterung in Bad Kissingen
kommt es zu Austritten aus dem Arbeiter-, Bauern- und Soldaten-Rat, und
der Bürgermeister Bauch tritt zurück.
Die Mitgliederversammlung des Liberalen Vereins hatte gut 2 Wochen nach
der Gründung des Demokratischen Vereins zu einer Mitgliederversammlung
eingeladen mit dem Thema „Anschluß an eine demokratische Partei“.
Dieser Anschluss wurde dann aber erst am 30.März 1920 im Wahlers
Bräu vollzogen. Die Mitglieder des Liberalen Vereins waren meist
Mitglieder des Demokratischen Vereins und man verstand sich als Ortsgruppe
der Deutsch Demokratischen Partei.
Der Deutsch-Demokratische Verein (=Demokratischer Verein) gründete
am 22.12.1918 eine Frauengruppe – und das knapp 4 Wochen nach seiner
Gründung. Das Datum 2 Tage vor Weihnachten zeigt, wie eilig man es
damit hatte: Seit dem 12. November 1918 waren Frauen den Männern
als Wahlbürger gleichgestellt. Es galt seitdem das allgemeine, gleiche
und direkte Wahlrecht. Die Beförderung der Frauen in der Politik
war bislang in Kissingen kein liberales Ruhmesblatt. Erstmals waren drei
Frauen im Vorstand des Deutsch Demokratischen Vereins. Frauen hatten bis
dato in Bad Kissingen politisch keine Rolle gespielt, weder als Objekt
noch als Subjekt politischer Betätigung. 1908 waren erstmals Frauen
zur Versammlung des Liberalen Vereins eingeladen gewesen. Das Thema war
entsprechend politisch: „Die Entstehung des Weltalls“.
Die Deutsche Demokratische Partei lädt zum 30.12.1918 in den Regentenbau
zum Thema „Die Frau in der Politik“. Es bestand zu dieser
Zeit eine Begriffsverwirrung zwischen Liberalem Verein, Deutsch Demokratischem
Verein und Deutsch Demokratischer Partei. Die Grenzen waren fließend
und schlossen sich erst mit der Auflösung des Liberalen Vereins.
Derweilen gab es in Bad Kissingen noch immer die Räte. In der Saale-Zeitung
wurden dieser als Arbeiter-, Bauern- und Garnisons-Rat benannt, wohl der
Nachfolger des Arbeiter-, Bauern- und Soldaten-Rates sowie des Arbeiterrates.
Es ist nicht ersichtlich, ob beide identisch waren, aber wahrscheinlich.
So sprach sich Bürgermeister Dr. Pollwein zu seiner Amtseinführung
am 10. März 1919 für eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiterrat
aus, und der Deutsch Demokratische Verein lädt am 13.03.1919 ein,
an der Versammlung des Arbeiterrates teilzunehmen. Am 13.04.1919 stürzt
in München die Räterepublik. In der Zeitung gibt es nur eine
indirekte Kommentierung: Die Sozialdemokraten laden zur Versammlung mit
dem Thema „Stellungnahme zur Räterepublik“.
In Bad Kissingen jedoch lädt am 26.04.1919 der Arbeiter-, Bauern-
und Garnisons-Rat in den Rathaussaal zur Versammlung. München ist
offensichtlich weit. Ende April und damit zeitgleich gibt es in der Saale-Zeitung
einen Aufruf zur Gründung von Volkswehren durch den rechtmäßigen
Landtag. Der Aufruf ist von vielen Deutsch Demokraten unterschrieben.
Am 20.05.1919 lädt die Volkswehr Bad Kissingen zu einem Generalappell
mit Waffen und Munition. Offensichtlich ging es zu dieser Zeit in Bad
Kissingen noch hoch her. Der ganze Rätespuk hat erst ein Ende mit
dem Antritt des neuen Stadtrats in Bad Kissingen am 26.06.1919. Die gewählten
Stadträte waren vollzählig erschienen. Aber es waren auch 3
Arbeiterräte anwesend. Das Gremium beschloss, eine Anfrage an die
Staatsregierung zu stellen, ob die Arbeiterräte weiterhin beim Stadtrat
zulässig seien. Daraufhin hört man in der Zeitung nie mehr etwas
über die Arbeiterräte.
Der Wahlkampf zum Stadtrat in Bad Kissingen im Jahre 1919, der erste nach
dem Weltkrieg, zeigt ein verändertes Gesicht. Erstmals gibt es einen
langen Wahlkampf und 10 Tage Zeitungsschlacht. „Keine Parteipolitk
im Rathaus“ verlangen erstmals anonyme Anzeigen. Es war die Geburtsstunde
der Parteilosen. Drei parteilose Interessengruppen traten 1919 zur Gemeinderatswahl
an: Die Kriegsbeschädigten, die Kurhausbesitzer, das Handelsgewerbe.
1919 errangen diese Interessengruppen 15% der Mandate, 1924 bereits 50%.
Kein Wunder, dass die Liberalen das spürten: 1919 erreichen sie zwar
noch 30% der Mandate, 1924 und 1929 waren es dann nur noch 10%.
Seit 1919 waren für die Deutsch-Demokraten die Herren Karl Gayde
und Nathan Bretzfelder im Stadtrat. Karl Gayde starb im Okober 1928. Ihm
folgte sein Sohn, Karl Gayde, junior nach. Nathan Bretzfelder und Karl
Gayde jun. hielten ihre Ämter über das Jahr 1933 hinaus. Von
Herrn Karl Gayde ist uns durch seine Schwiegertochter Eugenie Gayde das
Verbleiben im Stadtrat bis zu seiner Verhaftung im Jahre 1942 verbürgt.
Bei den Landtagswahlen konnten die Liberalen in Bad Kissingen nochmals
37% der Stimmen auf sich vereinigen. Das Umland wählte jedoch ganz
anders: Liberale 5% und Bayerische Volkspartei 72%. Und das spiegelt die
Situation im Stadt- und Landkreis von Bad Kissingen bis 1996 wider. Die
Reichstagwahl 1919 zeigte die Liberalen in Bad Kissingen verteilt auf
2 Parteien noch mit 36%, 1924 mit 16%, 1928 nochmals mit 21%, 1933 zur
letzten freien Wahl nur noch mit 2%. Die NSDAP errang 55%. Damit war das
Schicksal der Demokratie in Deutschland vorerst besiegelt.
In der Zwischenkriegszeit veränderte sich der Umgang der Parteien
untereinander. Während der Wahlkampfphasen tauchen anonyme Anzeigen
auf, an den Wänden anonyme Anschläge. Gegen die Liberalen, die
ja Anfeindungen besonders ausgesetzt waren, heißt es zum Beispiel
in der Kommunalwahl 1924 anonym:
„Wähler gesucht
Von Wahlkandidat der DDP mit mehr als 20-jähriger Tätigkeit
in blauem Dunst
nbestritten in großen Fragen und kleinlichem Geist
Hervorragend in rein egoistischer Interessenpolitk
Erfahrener Referent der berechtigten Bürgerinteressen
Auf Urteilsfähigkeit der Wähler wird kein Wert
gelegt.“
Ob diese Kritik berechtigt oder unberechtigt war, wissen wir nicht. Die
Anonymität allerdings gibt Anlass zum Nachdenken.
Am 1. März 1920 ruft der Zentralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens dazu auf, anonyme Verleumdungen auf Anschlägen
der Stadt einzustellen. Der Stadtrat schließt sich dem Aufruf an.
1930 gab es Verleumdungen gegen den Stadtrat Goldstein (Bürgerblock),
der dann sehr allein dastand und sich 1933 das Leben nahm. Am 9. Januar
1923 ruft die NSDAP zur Gründungsversammlung auf. Am 20. Oktober
1923 gibt es einen Abmarsch nach Hammelburg mit dem Hinweis, dass unentschuldigtes
Fernbleiben bestraft wird. Zur selben Zeit, am 13.01.1923, ruft die Christlich
Soziale Partei zu einer Versammlung über „Die jüdische
Frage“.
1930 erhält der Redner der NSDAP „tosenden Beifall, wie er
noch kaum einem Redner zuteil wurde“, als er die Parteien mit einem
„morschen Baum“ verglich, „der umfällt, wenn nur
der leiseste Windhauch ihn berührt“.
Die Menschen hatten wohl den Verfall der politischen Moral seit der Mitte
der zwanziger Jahre bemerkt. Dass aber die Nazis hier auf einen Zug aufsprangen,
den sie selber angeheizt hatten, das hatte der Kissinger Redner natürlich
verschwiegen.
Am 26. Januar 1927 laden die Deutsch Demokraten, politisch kennzeichnend
für die Stimmung, zu einer Versammlung mit dem Thema ein: „
Heraus aus der partei-politischen Müdigkeit zu neuen politischen
Wegen in Bayern und Reich“.
Am 2. Dezember 1929 wirbt die DDP für die Stadtratswahl mit der Anzeige:
Wählt die Liste Gayde – Bretzfelder
Äußerste
Sparsamkeit
Abbau des Strompreises
Keine neuen
Projekte ohne Gewährleistung der Rentabilität
Zur Hebung des
Fremdenverkehrs Strandbad und Bergbahn“
Ab Januar 1930 findet sich keine Anzeige der Deutsch Demokraten mehr in
der Saale-Zeitung. Ab November 1931 muss man aus der Anzeigenaktivität
der Nationalsozialisten in der Zeitung schließen, dass sie bereits
die stärkste politische Kraft in Bad Kissingen sind. Am 13. Januar
1933 waren im Stadtrat von 22 Stadträten nur 9 erschienen. Man war
beschlussunfähig. Während des Dritten Reiches verschwinden die
Parteien aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, während die Parteimitglieder,
auch die Liberalen, untereinander Verbindung halten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Liberalen nie mehr an die große
Tradition ihres Anfangs in Bad Kissingen anknüpfen. Bei Stimmenergebnissen
zwischen 2% und 10% fehlt die großartige Motivation, die 1902 und
1918 hinter dem Bedürfnis nach Mitwirkung stand.
Die Freie Demokratische Partei (FDP) als Nachfolger der Deutsch Demokraten
stellten in Bad Kissingen
von 1956 – 1978 den Stadtrat Rudolf Kracht,
von 1978 – 1995 den Stadtrat Dr. Hans-Joachim Flaßhoff,
von 1995 – 1996 den Stadtrat Peter Venohr.
Im Jahre 1996 verfehlten sie mit 2,6% Stimmenanteil knapp den Einzug in
den Stadtrat.
Die Kandidatenliste zur Stadtratswahl 2002 führte Dr. Heiko Weidenthaler
an, gefolgt von Peter Venohr. Mit 2,2 % Stimmenanteil wird der Einzug
in den Stadtrat verfehlt. Auffällig ist die deutliche Verjüngung
der Liste. Als Hauptziel wird eine professionelle Wirtschaftsentwicklung
gesehen, die die Innenstadt belebt. Die augenblicklichen Planungen großer
Einkaufsflächen gelten als Todesstoß für die Innenstadt.
Den Vorsitz im FDP Kreisverband Bad Kissingen hatten in den letzten Jahren
inne:
von 1992 bis 2001: Adelheid Zimmermann, Bad Brückenau
von 2001 bis 2003: Christian Ziegler Nüdlingen
von 2003 bis heute: Dr. Giselher Wall, Bad Kissingen
Die FDP Kandidatenliste zur Stadtratswahl 2008 umfasst 30 Personen. Auf
den ersten Plätzen sind gelistet:
01. Dr. Giselher Wall, Zahnarzt und Oberbürgermeisterkandidat
02. Dr. Heiko Weidenthaler, Rechtsanwalt
03. Marianne Engels-Isenburg, Hotelier
04. Heike van Heteren-Eckloff, Hotelier
05. Gerhard Spies selbst. Bankkaufmann
06. Dr. Martin Dietrich, Zahnarzt
07. Boguslaw Spuziak, Dipl.-Musiklehrer
08. Peter Venohr, Technischer Redakteur
09. Maria Bannasch, Kosmetikerin,
10. Hafida Kirmsse, Juristin
11. Erwin Krämer, Schreinermeister
12. Dr. Jens Bergermannn, Allgemeinmediziner
13. Andrea Greubel, MTA
14. Patricia Schodorf, Verwaltungsangestellte
15. Ewald Katzenberger, Greenkeeper
16. Dr. Richard Daunor, Arzt für Allgemeinmedizin
17. Leo Schutzmeier, selbst. Bauingenieur
18. Dr. Andreas Rug, Zahnarzt
19. Claudia Hippler, Angestellte
20. Peter Echtner, Hausmeister
21 Christine Mirsch, Kauffrau
22. Monika Rott, Industrie-Optikerin
23 Alois Dramski, Industrie-Elektroniker
24. Janusz Horsonek, Musiker
25. Dr. Peter Kirmsse, Veterinärmediziner
26. Heike Münnich, Hotelkauffrau
27. Axel Venohr, Gärtner
28. Elisabeth Wagner, Angestellte
29. Manfred Lindenau, Technischer Leiter
30. Jürgen Förster, Berufsoldat a.D.
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